Vanguard 1976, iShares 2000 und die ETF-Revolution: Wie passives Investieren die DACH-Welt veränderte
Vor fünfzig Jahren legte John C. Bogle den ersten Index-Fonds für Privatanleger:innen auf. Heute verwalten ETFs weltweit rund 13 Billionen US-Dollar. Eine Geschichte zwischen Effizienzmarkthypothese, Kostendiktat und der stillen Marktkonzentration im MSCI World.
Als John C. Bogle (1929–2019) im Sommer 1976 in der Empfangshalle des damals noch jungen Vermögensverwalters Vanguard Group in Valley Forge, Pennsylvania, den First Index Investment Trust auflegte, lachte die Wall Street. Ein Fonds, der schlicht den S&P 500 nachbildet, der keinerlei Anspruch erhebt, den Markt zu schlagen, der weder Star-Manager noch ausgefeilte Research-Abteilung benötigt – das galt als „un-amerikanisch”, als „Garantie auf Mittelmaß”, wie es ein Konkurrent in einer berühmt gewordenen Broschüre formulierte. Im ersten Zeichnungszeitraum kamen statt der erhofften 150 Millionen US-Dollar nur 11,3 Millionen zusammen. Bogle, ein Schüler des Princeton-Ökonomen Burton Malkiel, hielt daran fest. Aus dem späteren Vanguard 500 Index Fund wurde der Ausgangspunkt einer Bewegung, die heute den globalen Kapitalmarkt prägt wie kaum eine andere Innovation der vergangenen fünfzig Jahre.
Vom belächelten Mittelmaß zum Billionenmarkt
Bogles Idee fußte auf einer akademischen Linie, die in den 1960er-Jahren an der University of Chicago entstanden sei. Der spätere Nobelpreisträger Eugene Fama veröffentlichte 1970 seine Arbeit zur Effizienzmarkthypothese, derzufolge Kursbewegungen alle öffentlich verfügbaren Informationen reflektierten. Wenn das stimme, sei aktives Stock-Picking auf Dauer kaum mehr als ein teurer Versuch, Glück mit Können zu verwechseln. Burton Malkiel goss diesen Gedanken 1973 in das Bestseller-Buch „A Random Walk Down Wall Street”. Bogle verwandelte ihn in ein Produkt.
Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis die Idee international anschlussfähig wurde. 1993 brachte State Street Global Advisors mit dem SPDR S&P 500 (Tickerkürzel SPY) den ersten an einer US-Börse gehandelten Indexfonds an den Markt. Die Hülle des ETF, eine an der Börse gelistete Variante des klassischen Indexfonds, machte aus dem stillen Passiv-Vehikel ein börsenfähiges Massenprodukt. Sieben Jahre später, im April 2000, hob die damalige Barclays Global Investors (BGI) in den USA die iShares-Familie aus der Taufe und legte parallel die erste europäische Welle in London und Frankfurt auf. 2009 übernahm BlackRock im Zuge der Finanzkrisen-Konsolidierung BGI für rund 13,5 Milliarden US-Dollar – und damit auch die Marke iShares, die heute der weltweit größte ETF-Anbieter sei.
Die Zahlen für 2026 sprechen eine eigene Sprache. Das globale ETF-Vermögen liege nach Angaben des Branchendienstes ETFGI bei rund 13 Billionen US-Dollar. Allein BlackRock verwalte über iShares etwa 4,2 Billionen, Vanguard rund 3,8 Billionen, State Street etwa 1,1 Billionen. Diese drei Anbieter halten zusammen mehr als zwei Drittel des globalen ETF-Markts. In der DACH-Region habe das verwaltete ETF-Vermögen die Marke von rund 500 Milliarden Euro erreicht; vor zehn Jahren seien es weniger als 100 Milliarden gewesen.
Das Kostendiktat und seine Konsequenzen
Der zentrale Hebel des ETF-Modells ist die Gesamtkostenquote, in der Fachsprache TER (Total Expense Ratio). Während klassische aktiv verwaltete Aktienfonds in Deutschland nach Erhebungen von Morningstar im Durchschnitt eine TER zwischen 1,2 und 1,8 Prozent pro Jahr aufweisen, liegt sie bei breit aufgestellten ETFs auf den MSCI World oder den FTSE All-World mittlerweile zwischen 0,03 und 0,5 Prozent. Der Kostenunterschied wirke wie ein stiller Zinseszins: Eine Anlage von 100.000 Euro über dreißig Jahre mit angenommener Bruttorendite von sechs Prozent jährlich ergebe vor Steuern bei einer TER von 1,5 Prozent rund 432.000 Euro Endwert; bei einer TER von 0,15 Prozent dagegen rund 553.000 Euro – ein Unterschied von etwa 28 Prozent allein durch die Kostenseite.
Genau diese Differenz ist es, die seit zwei Jahrzehnten den sogenannten SPIVA-Report nährt. Die halbjährliche Statistik „S&P Indices Versus Active” der Index-Gesellschaft S&P Dow Jones Indices zeigt mit bemerkenswerter Konstanz, dass über Zeiträume von zehn Jahren mehr als 85 Prozent aller aktiv verwalteten Fonds ihre jeweilige Benchmark nach Kosten unterschreiten. In der Eurozone liege die Quote für Aktienfonds Europa im SPIVA Europe Mid-Year 2025 bei 92 Prozent Underperformance über zehn Jahre, in Deutschland bei rund 88 Prozent. Auch über fünf Jahre liege der Wert in fast allen Kategorien jenseits der 70-Prozent-Marke. Die Botschaft sei nicht: Aktive Fondsmanager:innen seien schlecht. Die Botschaft sei: Die Hürde der Kosten lasse sich nur durch außergewöhnliches und vor allem dauerhaftes Können überspringen.
Smart Beta und die Erosion einer klaren Linie
Mit dem Erfolg der reinen Indexreplikation kam eine begriffliche Unschärfe. Bereits ab Mitte der 2000er-Jahre traten Anbieter mit Produkten an, die zwar in der ETF-Hülle steckten, aber keinen klassischen marktkapitalisierungsgewichteten Index abbildeten. Stattdessen würden sie Faktoren wie Value, Momentum, Low Volatility, Quality oder Dividende gewichten. Diese Kategorie wird unter dem Begriff Smart Beta zusammengefasst. Ihr globales Volumen liege Stand 2026 bei etwa 1,8 Billionen US-Dollar. Akademisch gestützt sei dies durch die Faktorforschung um Eugene Fama und Kenneth French (Drei-Faktor-Modell 1993, Fünf-Faktor-Modell 2015), durch Cliff Asness und das Quant-Haus AQR Capital sowie durch eine ganze Welle empirischer Studien zur Persistenz von Risikoprämien.
In der Praxis wirft Smart Beta jedoch die alte Kostenfrage neu auf. Die TER der Faktor-ETFs liege typischerweise zwischen 0,2 und 0,6 Prozent und damit deutlich über der klassischen Marktreplikation. Hinzu komme ein höherer Tracking Error gegenüber Standardindizes. Wer in dieses Segment investiere, sollte sich der akademischen Befundlage und der eigenen Faktor-Hypothese bewusst sein – andernfalls drohe das passive Versprechen, durch die Hintertür wieder ein aktiver Wettbet zu werden.
Das stille Konzentrationsproblem
Mit dem Erfolg passiver Produkte wuchs auch die Kritik. Drei Argumente kehren in der Debatte regelmäßig wieder. Erstens: Wenn immer mehr Kapital schlicht den Indexgewichten folge, verliere die Preisbildung an Effizienz. Studien der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und der Bundesbank deuteten in den vergangenen Jahren darauf hin, dass die Korrelation zwischen Einzelwerten im S&P 500 in Phasen hoher ETF-Aktivität zunehme. Zweitens: Die drei großen US-Indexanbieter halten zusammen Anteile an nahezu jedem börsennotierten US-Unternehmen und seien damit zu einer Art impliziter Governance-Macht herangewachsen. Drittens: Die Konzentration innerhalb der gängigen Welt-Indizes habe sich verschärft. Im MSCI World, dem mit Abstand bekanntesten Welt-Aktien-Maßstab, machten die Top-10-Werte zum Stichtag Ende April 2026 rund 25 Prozent der Indexgewichtung aus; mehr als 70 Prozent dieser Top-10 entfallen auf US-amerikanische Technologietitel der Kategorie Mega-Cap. Wer einen MSCI-World-ETF kauft, kauft in beträchtlichem Umfang also Apple, Microsoft, Nvidia, Alphabet, Meta und Amazon.
Diese Konzentration sei nicht zwingend ein Argument gegen passives Investieren – sie sei jedoch ein Argument für transparente Aufklärung darüber, was eine vermeintlich „breit gestreute Welt-Anlage” in der heutigen Indexrealität tatsächlich enthalte. Alternativen wie der MSCI World Equal Weight, der FTSE All-World oder der MSCI ACWI IMI mit knapp 9.000 Einzelwerten würden in der Beratungspraxis langsam an Sichtbarkeit gewinnen.
DACH-Sparpläne und der Kulturwandel
In der DACH-Region setzte die Breitenwirkung der ETF-Welle erst um 2010 ein, mit deutlicher Beschleunigung ab 2018. Treiber waren Direktbanken, die kostenfreie ETF-Sparpläne ab Beträgen von 25 oder 50 Euro monatlich anboten, sowie die ab 2019 entstehende Welle der Neobroker mit Nullgebühr-Modellen. Nach Erhebungen des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI) habe sich die Zahl der laufenden ETF-Sparpläne in Deutschland von rund 200.000 im Jahr 2015 auf über 11 Millionen Anfang 2026 erhöht. Das durchschnittliche Sparratenvolumen liege bei rund 170 Euro pro Monat. Vor allem die Altersgruppe der 25- bis 40-Jährigen habe den ETF-Sparplan zu einem Standardbaustein der Vermögensbildung gemacht.
Damit verbinde sich ein Kulturwandel, der über reine Produktauswahl hinausweise. Anlage werde zunehmend als langfristiger, regelbasierter Prozess verstanden, in dem niedrige Kosten, breite Streuung und Disziplin wichtiger seien als die nächste Markteinschätzung. Diese Haltung wäre Bogle, der zeitlebens vor dem „Aktionismus des aktiven Managements” gewarnt habe, vermutlich willkommen gewesen. Sein letztes Buch „Stay the Course” von 2018 lese sich wie ein Vermächtnis: Märkte seien unvorhersehbar, Kosten seien sicher, Geduld sei die unterschätzteste Tugend des Anlegers.
Was Anleger:innen daraus mitnehmen können
Ein halbes Jahrhundert nach Bogle steht die ETF-Welt nicht am Ende ihrer Entwicklung, sondern an einer Schwelle. Die Diskussion um Indexkonzentration, um aktive ETFs, um synthetische Replikation und um die regulatorische Behandlung von Stimmrechten passiver Großanleger werde die kommenden Jahre prägen. Für Privatanleger:innen bleibe die Kernbotschaft des Modells unverändert relevant: Niedrige Kosten, breite Streuung über Regionen und Sektoren, ein klar definierter Anlagehorizont und ein Plan, der auch in Krisenphasen durchgehalten werde. Diese Eigenschaften ließen sich mit einem schlanken ETF-Portfolio wirtschaftlicher umsetzen als mit nahezu jedem aktiv verwalteten Konkurrenzprodukt – jedenfalls, solange die SPIVA-Statistik weiterhin so eindeutig ausfalle.
Was die ETF-Welle nicht ersetze, sei die nüchterne Auseinandersetzung mit der eigenen Anlagebiografie: Welche Risiken seien tragbar, welcher Zeithorizont sei realistisch, welche steuerlichen Rahmenbedingungen gelten? Die Effizienz der Produkthülle bewahre niemanden vor einer falschen Allokation. Bogle hätte das vermutlich so formuliert: Der beste Indexfonds nütze wenig, wenn er zum falschen Zeitpunkt aus dem falschen Grund verkauft werde.